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Silvia Bolliger: Die Universitätsgeschichte in diesem Zeitraum war überhaupt nicht aufgearbeitet. Mich interessierte, wie sich die Universität zwischen 1919 und 1939 gegenüber ausländischen und speziell jüdischen Studierenden verhielt.
Bolliger: Ausländische Studierende waren immer dann willkommen, wenn die Universität nicht ausgelastet war. Das war nichts Neues, dasselbe Phänomen lässt sich schon im 19. Jahrhundert beobachten. Die Schweiz hatte schon damals ein dichtes Netz von Universitäten, aber nicht so viele Studierende. Die Universität versuchte deshalb, die freien Plätze mit ausländischen Studierenden zu besetzen. Man war auf Zuzug aus dem Ausland angewiesen. Zu Beginn der Zwischenkriegszeit wurden deshalb die Zulassungsbedingungen in bestimmten Fächern gelockert. Die Zulassungspraxis änderte sich dann im Verlauf der 1930er-Jahre: Gegen Ende der Zwischenkriegszeit war die Universität kaum noch auf fremde Studierende angewiesen. Es gab genügend Nachwuchs in der Schweiz. Entsprechend wurden viel weniger ausländische Studierende in Zürich zugelassen.
Bolliger: Ja, ausländische Studierende waren durchaus noch erwünscht. Internationalität war erstrebenswert. Man wollte aber nicht alle ausländischen Studierenden. Es gab da klare Präferenzen. Die verschärften Zulassungsbedingungen betrafen offiziell alle ausländischen Studierenden, de facto richteten sie sich aber vor allem gegen jüdische Studierende. Ab 1933 versuchten viele deutsche Juden, sich an der Medizinischen Fakultät einzuschreiben. An der Medizinischen, aber auch an der Juristischen Fakultät waren dann die Hürden für eine Zulassung auch am grössten.
Bolliger: 1933, nach der Machtergreifung Hitlers in Deutschland, wurde an der Universität Zürich beispielsweise die Konfession bei ausländischen Studierenden, später bei allen Studierenden erhoben. Das war neu. Die Konfession und damit die darüber zugeschriebene ethnisch-rassisch Herkunft erlangte damit für die Zulassung von Studierenden Bedeutung. Dies zu einem Zeitpunkt, wo der Strom von jüdischen Studierenden aus Deutschland, die an die Universität Zürich wollen, zunimmt. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten haben sich die Bedingungen für jüdische Studierende in Deutschland massiv verschlechtert. Das ging bis zum Studienverbot und zur Vertreibung. Die Schweiz und Zürich waren in dieser Situation für viele die letzte Hoffnung, vielleicht doch noch eine Ausbildung zu machen oder das begonnene Studium abzuschliessen. Auch aus Polen und den USA gelangten jüdische Studierende nach Zürich.
Bolliger: Das lässt sich nicht bestimmen, weil die Immatrikulationsformulare der abgelehnten Studierenden nicht mehr vorhanden sind. Aus Protokollen lässt sich aber erschliessen, dass beispielsweise 1933 mehrere Hundert Studierende aus Deutschland sich an der Universität Zürich einschreiben wollten. Die meisten von ihnen wurden abgewiesen. Die Begründungen dafür fehlen, weil eben die Dokumente heute nicht mehr greifbar sind. Ich halte es aber für wahrscheinlich, dass die Konfession dabei eine zentrale Rolle spielte.
Bolliger: Interessant ist, wie die jüdischen Studierenden bezeichnet wurden. Da gab es verschiedene Codes. Zum Beispiel stand «osteuropäische Studenten» für Ostjuden, «Emigranten» stand für Juden aus Deutschland. Man hat es in den universitären Protokollen vermieden, von Juden oder jüdischen Studierenden zu sprechen. Wer die «amerikanischen Medizinstudenten» waren, war aber völlig klar.
Bolliger: Man muss unterscheiden zwischen der damaligen offiziellen Studentenschaft, der SUZ, und den Studierenden ganz allgemein, die in verschiedenen Vereinen organisiert waren. Bei letzteren gab es ein riesiges Spektrum an Positionen – von extrem links bis extrem rechts. Die SUZ war aber klar nationalistisch geprägt. Viele Vertreter der Studentenschaft waren auch in der rechtsnationalen Frontenbewegung aktiv. Die beiden Redaktoren des «Zürcher Studenten» etwa, Hans Vonwyl und Robert Tobler, waren prägende Figuren. In der Studentenzeitung wurden klar antisemitische Artikel publiziert. Auf solche Artikel reagierten die Universitätsvertreter nicht. Es gab keine offizielle Klar- oder Richtigstellung, jüdische Studierende wurden seitens der Universitätsvertreter auch nie aus humanitären Überlegungen in Schutz genommen.
Bolliger: Die gab es schon – ausserhalb der organisierten Studentenschaft. Etwa die «Kampfgruppe gegen geistigen Terror», ihr gehörten vor allem Sozialisten und Marxisten an. Sie hatten allerdings weit weniger Gewicht und waren auch viel weniger akzeptiert bei den Universitätsbehörden. Ganz im Gegensatz zur ab 1933 an der Universität zugelassenen studentischen «Hochschulgruppe Neue Front», die bei den Universitätsvertretern mit Milde rechnen durfte.
Bolliger: Die Angst vor einer kommunistischen Revolution war in dieser Zeit nicht nur an der Universität, sondern ganz allgemein in der Gesellschaft viel grösser als die vor einer rechts-nationalistischen Diktatur.
Bolliger: Es ist wenig überraschend, dass Antisemitismus an der Universität Zürich zu dieser Zeit geduldet bis unterstützt wurde. Die Haltung der Universität unterschied sich in diesem Punkt nicht vom Rest der Gesellschaft. Insofern bestätigen meine Befunde, dass auch in der Schweiz das akademische Milieu von Antisemitismus durchdrungen war. Die Zürcher Akademiker schwammen im ideologischen Mainstream ihrer Zeit mit. Man weiss auch aus Studien zu Deutschland, Österreich und weiteren Ländern in Europa, dass faschistisch-nationalsozialistische Bewegungen gerade von Akademikern getragen wurden. In Zürich war das offensichtlich nicht anders.
Bolliger: In den Nationalisierungstendenzen, die im Laufe der 1930er-Jahre zunahmen, ging es um Abgrenzung. Juden, Ausländer, aber auch Frauen hatten da einen schweren Stand. Ich wollte mir deshalb anschauen, wie sich die Haltung der Universitätsbehörden, aber auch der Mitstudierenden gegenüber Frauen zeigte. Die Haltung der Behörden erwies sich als unproblematisch, die Mitstudierenden verhielten sich aber immer wieder frauenfeindlich. Auch die Studentenzeitung «Zürcher Student» publizierte frauenfeindliche Artikel.
Bolliger: Die 1920er- und 1930er-Jahre waren von politischen, ökonomischen und sozialen Krisen geprägt. Das waren sicher keine einfachen Zeiten. Viele waren verunsichert – auch die Zürcher Studenten. Deshalb versuchten sie durch Abgrenzung gegenüber Ausländern, Juden, aber auch Frauen, ihre eigene Identität zu stärken. Interessant ist, dass noch vor dem Ersten Weltkrieg fast die Hälfte aller Studierenden an der UZH aus dem Ausland stammte. Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus waren dennoch nie so virulent wie in den 1930er-Jahren: Damals lag der Ausländeranteil deutlich tiefer, die Ressentiments vor allem gegen Juden waren aber so stark wie nie zuvor. Das ist erschreckend. Es zeigt: Für Antisemitismus braucht es keine Juden.
Bolliger: Überrascht hat mich, dass an der Universität Zürich prinzipiell dieselben Diskriminierungsmechanismen gegenüber Juden und Frauen spielten wie an anderen deutschsprachigen, europäischen, aber auch amerikanischen Universitäten.